Seitdem ich den Achtsamkeitskosmos betreten habe liebe ich Retreats.

Diese Rückzugsmöglichkeit, sein Inneres zu läutern, zu ordnen und der sanften Stimme der Weisheit Raum zu geben. Ein Raum für Klarheit und  innere Führung.

„Das Herz der Achtsamkeit ist die Entdeckung und Kultivierung der Verbundenheit mit dem, was das Beste und Tiefste in uns ist.“ Jon Kabat-Zinn

Und weil ich des öfteren mit diesem „Besten und Tiefsten in uns“ in Kontakt gekommen bin, versuche ich hier meine persönliche Erfahrung meines letzten Retreats in diesem Sommer zum Ausdruck zu bringen: 5 Tage intensive Achtsamkeitspraxis mit Jon Kabat-Zinn – „coming back to our senses“.

Nach einem langen und nicht endenden Stau an einem Freitag Nachmittag auf der A8 von München Richtung Salzburg bin ich in St. Virgil Salzburg Bildung – Konferenz – Hotel angekommen.

 

 

St. Virgil Salzburg ist eine sehr luxuriöse Anlage am Stadtrand von Salzburg, ideal für Retreats und vergleichbare Veranstaltungen. Die meisten Teilnehmer waren dort untergebracht und wir alle genossen die Annehmlichkeiten einer Vollverpflegung.

170 Menschen haben sich in einem riesigen hellen Saal mit Parkett Boden zusammengefunden – wissend, dass sie 5 Tage im intensiven Austausch mit dem Vater der westlichen Achtsamkeitspraxis verbringen werden. Außer einer kurzen Beschreibung in der Einladung wurde uns wenig über den Inhalt des Retreats mitgeteilt, was meine Erwartungshaltung gegenüber unserem Lehrer noch steigerte.

Jon Kabat-Zinn ist Gründer und ehemaliger Geschäftsführer des 1995 etablierten Center for Mindfulness in Medicine, Health Care and Society (CFM/Zentrum für Achtsamkeit in Medizin, Gesundheitswesen und Gesellschaft) an der University of Massachusetts Medical School. Hier begann er das Programm der Mindfulness-Based-Stress-Reduction (MBSR) zu vermitteln und seine Auswirkungen in einer umfangreichen Begleitforschung zu untersuchen.

MBSR ist ein achtwöchiger Kurs, in dem teilweise aus Hatha Yoga, Vipassana und Zen stammende, aufeinander abgestimmte Aufmerksamkeitsübungen und die Achtsamkeitsmeditation miteinander verbunden sind.

 

 

Er gehört zu den Wissenschaftlern, die an den Dialogen und Konferenzen des Mind and Life Institute beteiligt sind.

Das Retreat wurde mit einer freundlichen Vorstellungsrunde von Jon eröffnet. Das erste was unser Lehrer ansprach war die deutsche Übersetzung von Mindfulness: das Wort ACHTSAMKEIT. Ein Wort der deutschen Sprache, welches Menschen eher abschrecken könnte als sie neugierig zu machen. Abschrecken vor einer der heilsamsten Arbeiten, welche die Menschen unserer heutigen Zeit mehr brauchen als alles andere. Er belächelte zutiefst die fehlgeschlagene Übersetzung. MINDFULNESS oder HEARTFULNESS: Geistreich oder Herzreich würden diese Arbeit im Kern treffen. Mich persönlich hat seine offene direkte Art Dinge anzusprechen sehr beeindruckt. Kein Beschönigen, keine Umwege sondern eine pure authentische Ausdrucksweise, die den einen oder anderen überraschen könnte.

Ein Mikrofon wurde herumgereicht, so dass einzelne Personen der Gruppe mitteilen konnten, warum sie hier sind. Die Antworten der zahlreichen Teilnehmer fielen sehr unterschiedlich aus: von Auszeit vom Alltag, Krankheit, über Begegnung mit Jon bis hin zu Selbstfindung. Ich habe das Mikrofon nicht in der Hand gehabt aber die Antwort auf mein Warum hallte wie ein Echo in meinem Inneren:

 

Warum bin ich hier? Ich möchte einen berühmten Lehrer persönlich kennen lernen.

Warum? Um mehr Erfahrungen und Zertifikate für meine neue Profession zu sammeln.

Warum? Meine Klienten würden mehr Vertrauen in mich und meine Kompetenzen haben.

Warum? Um eine bessere Positionierung gegenüber den Wettbewerbern zu erreichen.

Warum? Um noch besser zu werden.

Warum? ICH BIN NOCH NICHT GUT GENUG in dem was ich tue.

 

Sobald dieser Gedanke durch meinen Kopf schoss, stockte mein Atem. Ich bin mitten im Selbsterkenntnis Prozess 🙂 und das Retreat hat für mich am ersten Abend begonnen. Erstaunlich zu erkennen, dass meine wahre verborgene Absicht zu diesem Retreat zu kommen nichts mit diesem renommierten Lehrer zu tun hatte. Sondern nur mit der Fortsetzung eines vielschichtigen Entwicklungsprozesses, den viele von uns gut kennen oder auch nicht.

 

Das Thema SELBSTLIEBE/SELBSTWERTSCHÄTZUNG lässt grüßen 🙂

Wie stehe ich mit mir SELBST in Beziehung?

Welche Konzepte und Glaubenssätze blockieren mich immer noch in meinem SELBSTAUSDRUCK?

Vertraue ich mir und meinem SELBST aus der Tiefe meines Herzens?

Liebe ich mein SELBST als universelles Unikat bedingungslos?

 

 

Wie gut, dass ich jetzt 5 Tage Zeit hatte einzutauchen und mich von meinen Antworten überraschen zu lassen!!!

Die Rahmenbedingungen für das Retreat wurden aufgestellt: von 6 – 22 Uhr Sitzmeditation, Gehmeditation, ein Austausch der Erfahrungen und zwischendurch Hatha Yoga Übungen zum Ausdehnen. 2 Tage Schweigen wurden auch angekündigt.

Jon betonte mit seiner humorvollen Art: wir üben hier das bewusste „NICHTS TUN“ – eine Fähigkeit, die den heutigen Menschen völlig fremd geworden ist. Das „NICHTS TUN“ ist das ultimative DETOX für den Geist des modernen Menschen. Der Retreat heißt nicht um sonst „Zur Besinnung Kommen“.

Während wir uns auf das „NICHTS TUN“ eingelassen haben hat Jon die Sitzmeditationen geleitet mit dem wesentlichen Focus, dass wir unsere Sinne öffnen. Angefangen beim Hören über Atmen, Denken und Fühlen (aufsteigende Emotionen).

Ich war überrascht zu erfahren, dass unser DENKEN und unser FÜHLEN (emotional) auch zu den Sinnen menschlicher Natur gehören. Und dass das Fühlen und Denken genauso wie die uns bekannten 5 Sinne Sehen, Hören, Fühlen (Haut), Riechen und Schmecken flexible Sinne sind. Sie verändern sich von Moment zu Moment wenn man im Geiste eine Beobachter-Rolle einnimmt ohne die gedanklichen und emotionalen Inhalte zu bewerten.

NICHTS TUN – NUR BEOBACHTEN OHNE ZU BEWERTEN

Es ist nicht nur die Abwesenheit von Gedanken, von Lärm – sondern die Stille selbst hat eine besondere Qualität.

DIE STILLE KANN SEHR LAUT SEIN

Die Hingabe an das Jetzt bedingt einen radikalen Akt der Selbstliebe. Die Achtsamkeit und die Stille eröffnen einen Raum, einen Raum des Lauschens innerer Dialoge. Die Dialoge wirkten anfangs laut und beklemmend bis sie nach einer Weile von selbst verstummten.

Ich durfte mit diesen Erkenntnissen die Erfahrung machen, dass der Prozess des BEOBACHTENS selbst eine augenblickliche Befreiung ist. Diese Beobachtung erlaubte es mir, mit allen Sinnen einzutauchen in mein Denken und mein emotionales Fühlen um zu erkennen, welche Konditionierungen mir von Zeit zu Zeit einen Streich spielen, wenn ich nicht achtsam bin. Genau dieser Streich beeinträchtigt meine Entscheidungen und somit mein Leben.

In dem Moment wo ich mir erlaubt habe zu beobachten haben diese Konditionierungen an Macht verloren. Neue befreiende, weite und offene Wahrnehmungen durften sich verankern. Jenseits von Zeit & Raum war ich mit dem Wesen meines Selbst verbunden. Ein Wesen welches STILL und ZUFRIEDEN ist: kein Gedanke, keine Emotion, ein pures friedliches Gewahrsein unendlich weit und offen. Ich könnte bis in alle Ewigkeit in diesem geistigen Zustand bleiben, wenn die Meditations-Glocke nicht hin und wieder läutete.

In dem Moment wo ich mir erlaubt habe zu beobachten haben diese Konditionierungen an Macht verloren

Jon hat immer betont, dass die wahre Meditation nicht nur das stille Sitzen ist, sondern die INTEGRATION dieser Haltung des BEOBACHTENS in alle Alltagsaspekte sei. So als ob wir bewusst von Moment zu Moment alte Konditionierungen (in uns verankerte Konzepte über uns selbst und über unsere Mitmenschen) stoppen. Wenn wir sie stoppen sind wir in dem Moment frei zu entscheiden, wie wir agieren möchten anstatt AUTOMATISCH zu reagieren. Die Fähigkeit zu AGIEREN verleiht uns in dem Moment eine immense Souveränität über uns selbst und über die Situation.

Ich durfte erkennen und erfahren, dass der anstrengende Teil der Achtsamkeitspraxis ist, den Geist zu zentrieren, indem man seine Aktivitäten (seine Konzepte) beobachtet ohne diese zu glauben oder sich damit zu personifizieren. Der Übergang zum Wesen des Geistes (die Stille) bedingt eine Haltung der Leichtigkeit und Offenheit.

In dieser Leichtigkeit und Offenheit durfte ich erkennen, dass mich so wie ich jeden Tag Stunden da saß oder mich bewusst in der Natur in Stille bewegte ein Grundgefühl von FREUDE und am richtigen Platz zu SEIN durchflutete. Die Vielfalt meiner geistigen Impulse, der Regenbogen meiner Emotionen, die Wahrnehmung meiner Sinne und die Hochsensibilität meiner Körperempfindungen verliehen mir das Grundgefühl von GUT GENUG SEIN. Eine erstaunliche Diversität von lebendigen Prozessen durchflutete meine Zellen und meine Wahrnehmungen in jedem Augenblick. Eine verkörperte Perfektion, die ohne mein Tun und nur für mein DASEIN ununterbrochen funktionierte!!!

Die Stille und das Schweigen fanden nach 2 Tagen ein Ende.

Nach dem Abtauchen in eine innere Intimität wurde die Bühne für eine offene Diskussion eröffnet. Den Übergang vom Schweigen zum kollektiven Dialog empfand ich persönlich als abrupt und radikal. Die Absicht von Jon war hier uns daran zu erinnern, dass ACHTSAMKEIT auch „nicht Anhaften“ bedeutet:

Nicht Anhaften an einem Zustand

Nicht Anhaften an einem Gedanken

Nicht Anhaften an einem Gefühl

 

Und so befanden wir uns mitten in einem Dialog. Teilnehmer durften vorerst ihre Erfahrungen mit dem Schweigen austauschen. Danach gingen wir über zu einem einem offenen Dialog:

Ist die ACHTSAMKEIT die Lösung für unsere heutigen politischen, sozialen und weltlichen Herausforderungen?

Ein weitreichendes Thema, welches alle Menschen in allen sozialen Bereichen unseres Daseins betrifft: von Bildung über Gesundheitsversorgung, Finanzsystem hin zur Politik. Sehr viele Meinungen wurden geäußert und viele Erfahrungen von bereits vorwiegend im Gesundheitswesen aktiven Achtsamkeitslehrern (sowohl für Ärzte als auch Patienten) vorgetragen. Auch von zunehmender Verbreitung im Bildungswesen wurde berichtet. Eine konkrete Antwort von Jon gab es nicht, nur eine sehr zuversichtliche Haltung. Je mehr Menschen die Fähigkeit erlernen, ihren Geist zu beherrschen und den Überlebensmodus (Stress und Hektik) bewusst hinter sich zu lassen desto eher können sie ihr Privileg erlangen, Schöpfer ihrer Umstände zu SEIN. Umstände, die wiederum automatisch andere Menschen miteinbeziehen, ob es Familie, Freunde, Kollegen oder Kunden sind. Je mehr Menschen mit diesem Privileg in Berührung kommen umso schneller vollzieht sich der Wandel hin zu einem menschlichen, kooperativen und bewussten Miteinander statt Gegeneinander!

An der Intensität der Diskussion wurde mir bewusst, wie viele Menschen nicht nur in diesem Raum ein friedliches, freundliches & authentisches Miteinander ersehnen. Es ist wahrlich ein menschliches Privileg der heutigen Zeit, diesen Quantensprung im Denken zu schaffen und aus einem stressigen Modus bewusst auszusteigen und sich die Erlaubnis zu erteilen Inne zu halten, zu Beobachten und sich (seine Konditionierung) neu zu erschaffen.

Am Ende des Retreats hat Jon uns wieder daran erinnert, in Kontakt mit unserer ursprünglichen Absicht (das Warum wir hier sind) zu kommen und nachzuspüren, ob für uns eine deutliche Antwort „erfühlbar“ sei. Ich war so erstaunt, dass in mir kein Hauch von dem Ursprungsgefühl „ICH BIN NICHT GUT GENUG“ spürbar war! Wo ist es hin? Aufgelöst ins Nichts…

Ich erkannte tief in meinem Herzen:

Mein SEIN so wie ICH BIN ist perfekt!!!

 

All der Mangel und die Sehnsüchte sind Symptome, die mich daran erinnern, wie subtil unser trennender Verstand unser SEIN manipuliert. Das „NICHTS TUN“ ist für unseren Verstand wie ein Marathonlauf und doch nicht greifbar, mühsam oder langweilig. Der aktive Geist kann sich mit dem SEIN nicht IDENTIFIZIEREN. Und genau in der Beobachtung der unruhigen Natur unseres Verstandes liegt die heilsame Loslösung aus seiner Gefangenschaft. Eine Gefangenschaft, die überwiegend destruktiv, unzufrieden, minderwertig, vergleichend, klein, gierig und fordernd ist.

Genau diese Haltung im Geist ermöglichte Jon Kabat-Zinn mit seiner Arbeit und mit seiner menschlichen Natürlichkeit über Jahre hinweg, viele Leben zu berühren und viele Institutionen zu alternativen Heilmethoden zu inspirieren. Diese evolutionäre Arbeit schreitet weiterhin mit Erfolg voran und schreibt weiterhin in den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Strukturen eine neue menschliche Geschichte jenseits vom Messbaren.

Mögen meine Erfahrungen und meine Erkenntnisse Dich dazu inspirieren, Dich ebenfalls auf den Weg zu machen Dich mit dem Besten in Dir zu verbinden.

Herzlichst

Rajaa