Hochsensibilität bezeichnet ein psychologisches und neurophysiologisches Phänomen.

Betroffene nehmen Sinnesreize viel eingehender wahr, verarbeiten diese tiefer und reagieren auch dementsprechend stärker darauf als der Bevölkerungsdurchschnitt. Bisher gibt es jedoch keine eindeutige und allgemein anerkannte Neurowissenschaftler  Definition des Phänomens Hochsensibilität, da die wissenschaftliche Forschung dazu (High-Sensitivity-Forschung) noch ganz am Anfang steht.

Es handelt sich bei Hochsensibilität nicht um eine „psychische Störung“ oder „Erkrankung“,  sondern eine psychologische und neurophysiologische Ausprägung, die bei etwa 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung vorkommen soll. Es wurden mehrere Theorien zur Erklärung des Phänomens Hochsensibilität entwickelt, die bislang noch nicht neurowissenschaftlich bestätigt werden konnten. Als wahrscheinlich werden erbliche und auch entwicklungspsychologische Faktoren für die Ausbildung dieser speziellen neuronalen Merkmale diskutiert.

MERKMALE:

Die Bandbreite möglicher Erscheinungsformen von Hochsensibilität wird als sehr groß dargestellt. Je nach individueller Ausprägung der Hochsensibilität sollen praktisch alle Arten von Sinneseindrücken stärker und damit detaillierter wahrgenommen werden können; häufig wird auch von höherer Intensität des Empfindens von Stimmungen der Mitmenschen berichtet. Intellektuell erfahre man sich zum Teil als intensiver und gründlicher analysierend, mit einer Neigung zur Spiritualität. In diesem Zusammenhang wurde auch eine mögliche Verbindung zwischen Hochbegabung und Hochsensibilität diskutiert, der jedoch bislang wissenschaftlich noch ungeklärt ist. Von Elaine  Aron und in der Selbsthilfe- und Ratgeberliteratur werden weitere Eigenschaften als charakteristisch für Hochsensibilität dargestellt und mit dem Phänomen der Hochsensibilität in Verbindung gebracht, die bisher jedoch wissenschaftlich nicht widerlegt oder bestätigt wurden:

  • intensives Empfinden und Erleben der Umgebung; Sinneseindrücke werden tiefer, intensiver und detaillierter wahrgenommen. Dies wird zuweilen mit bloßer ‚Nervosität‘ (= ‚psychische Unruhe‘) und ‚Überempfindlichkeit‘ verwechselt, jedoch ist die Ähnlichkeit rein äußerlicher Natur. Überempfindlichkeit im profanen Sinne ist meist eine persönlich unverhältnismäßig starke Reaktion auf Reize, die nicht mit erhöhter Bandbreite der Wahrnehmung einhergehen muss, was bei einer hochsensitiven Person (HSP) fast immer der Fall ist.
  • ausgeprägte subtile oder detailreiche Wahrnehmung (vielschichtige Fantasie und Gedankengänge) einer Situation bei hoher Verarbeitungs- und Verknüpfungstiefe kann u. U. neue Wahrnehmungsbereiche und ungewöhnliche Zusammenhänge oder Sichtweisen erschließen
  • psychosoziale Feinwahrnehmung (Befindlichkeiten, Stimmungen und Emotionen anderer Menschen werden leichter und detaillierter erkannt) und hohe Empathie
  • hohe Begeisterungsfähigkeit, vielseitige Interessen
  • stärkere Beeinflussbarkeit durch Stimmungen anderer Menschen
  • ausgeprägtes intuitives Denken, häufig verbunden mit der Fähigkeit zu lateralem und multiperspektivischem Denken
  • langer emotionaler „Nachklang“ des Erlebten
  • intensives Erleben von Kunst und Musik
  • ausgeprägtes Langzeitgedächtnis
  • intensivere Beschäftigungen allen Details und Aspekten einer Sache oder Situation und gründlichere Reflexion, bevor eine Entscheidung getroffen wird (Gewissenhaftigkeit und Detailverliebtheit), was in Beruf und Alltagsleben auf Unverständnis stoßen kann
  • Neigung zu Selbstkritik und Perfektionismus
  • stärkere Anfälligkeit für Stress, Leistungsdruck und Zeitknappheit
  • Denken in größeren Zusammenhängen
  • Gerechtigkeitssinn, starke Werteorientierung
  • Harmoniebedürfnis
  • hohe Eigenverantwortung und Wunsch nach Unabhängigkeit
  • erhöhte Schmerzempfindlichkeit
  • stärkere Reaktionen auf Medikamente, Alkohol und Koffein umfassen.

Hochsensibilität wird nicht als einheitliches Merkmal verstanden, sondern dahingehend interpretiert, dass es verstärkt in unterschiedlichen Bereichen (sensorisch, emotional, kognitiv) und verschiedenen Ausprägungen auftritt. Viele hochsensible Menschen sind Mischtypen, bei denen eine erhöhte Sensibilität in mehr als einem Bereich auftritt. Dabei werden oft folgende Grundtypen unterschieden:

  • Sensorisch hochsensible Menschen besitzen eine besonders feine Sinneswahrnehmung, nehmen Sinneseindrücke außerordentlich intensiv und detailliert wahr und verarbeiten diese eingehender. Sie können sich also beispielsweise durch eine besondere akustische Feinwahrnehmung (z. B. Geräusche, Stimmen, Töne, Musik), eine ausgeprägte Wahrnehmung von Gerüchen und/oder Geschmackseindrücken, eine besonders detaillierte Wahrnehmungsfähigkeit für optische Eindrücke (Licht, Farben, Formen, Muster, feine Details, Ästhetik, periphere, multifokale oder eidetische  (fotografische) Wahrnehmung, Wahrnehmen und Analysieren komplexer optischer Szenerien mit vielen Informationen ähnlich einer hochauflösenden Foto- oder Filmkamera) oder einen feinen Tastsinn auszeichnen. Häufig sollen sie auch besondere Begabungen in musischen, künstlerischen, ästhetischen Bereichen besitzen, aber auch zu besonderer Empfindlichkeit gegenüber Sinneseindrücken und zu Reizüberlastung neigen.
  • Emotional hochsensible Menschen reagieren besonders auf Feinheiten im zwischenmenschlichen Bereich und verfügen über große Empathie. Sie sind mitfühlend, hilfsbereit und oft besonders gute und genaue Zuhörer mit großer zwischenmenschlicher Intuition. Nachteile sind oft, dass sie leicht Stimmungen und Probleme ihrer Mitmenschen in sich aufnehmen und mitempfinden und von der Last ihrer Wahrnehmungen überfordert werden. Zuweilen reagieren sie in Gesprächen auf die Untertöne des Gesprächspartners (nonverbale Kommunikation ) stärker als auf die ausgesprochene Botschaft.
  • Kognitiv hochsensible Menschen besitzen ein starkes, intuitives ‚Gefühl‘ für Logik und für ‚Wahr oder Falsch‘. Sie denken häufig in sehr komplexen Zusammenhängen und sind auch zu lateralem und multiperspektivischem Denken fähig. Oftmals sollen sie besondere Begabungen auf wissenschaftlichem oder technischem Gebiet besitzen und zu Perfektionismus neigen wie auch leicht Probleme bei der Vermittlung ihrer vielschichtigen Gedanken bekommen, wenn ihr komplexes Denken und die Vermittlung ihrer Schlussfolgerungen die Kommunikation im Alltag erschwert.

Viele der sich als hochsensibel wahrnehmenden Menschen schildern bei Kontakt mit dem Konzept ein Gefühl der starken Erleichterung, da man erstmals nicht mehr das Empfinden habe, „von einem anderen Stern“ zu sein. Als Quelle der wahrgenommenen Andersartigkeit wird maßgeblich die Unverträglichkeit der eigenen Belastungsgrenzen mit dem für Zeitgenossen typischen Lebensstil genannt.

HERAUSFORDERUNG:

Hochsensible Menschen messen oft selbst scheinbar unwichtigen Sachen große Bedeutung bei. Der Hang zur Detailverliebtheit sowie die Wertschätzung sozialer Kommunikation erfordern Zeit, Sorgfalt und eine ruhige Atmosphäre, die nicht immer gegeben ist. Deshalb sehen sich Hochsensible zum Teil mit Appellen konfrontiert, sich an die Gegebenheiten anzupassen (z. B. „Stell dich nicht so an!“). Gemessen am Ideal der Leistungsgesellschaft ist dies mitunter ein Nachteil, auch deshalb, weil hochsensible Menschen oft typische Querdenker sind und in ihren Problem-, Stressüberwälltigungsstrategie nicht den gesellschaftlichen Standards entsprechen. Regeln sind somit für sie oft zu grob, undifferenziert oder ungerecht. Deshalb ist für viele Hochsensible das Finden des für sie richtigen Berufs und Arbeitsplatzes, bei dem ihre spezifischen Fähigkeiten zum Tragen kommen und geschätzt werden, aber auch ihr Wunsch nach Harmonie, Sinn und Werteorientierung in einer von Wettbewerb geprägten Gesellschaft befriedigt wird, eine besondere Herausforderung. Es dauert oft lange, bis sie eine passende Tätigkeit finden.

Aber auch im privaten Bereich ist Hochsensibilität nur bedingt ein Vorteil. Zwar ermöglicht sie sehr enge zwischenmenschliche Beziehungen und mitunter größere Intimität, Harmonie und tieferes Verständnis, aber hochsensible Menschen stoßen bei Außenstehenden leicht auf Unverständnis, weil sie häufig verschiedene Wahrnehmungen oder differierende Bedürfnisse in bestimmten Situationen (z. B. Aktivitäts- oder Reizverminderung oder Zeiten des Alleinseins) haben. Zwar gibt es Hinweise, dass insbesondere Partnerschaften zwischen zwei hochsensiblen Menschen besonders harmonisch, intim und tragfähig sind, aber auch Beziehungen zwischen einem hochsensiblen und einem nicht-hochsensiblen Menschen können von den besonderen Qualitäten profitieren, wenn diese Unterschiede als Bereicherung (Ergänzung, voneinander lernen, miteinander wachsen) wahrgenommen werden. Bisweilen neigen Hochsensible dazu, dem „gedankenlosen“ oder „unsensiblen“ Verhalten des Gegenübers eine höhere Bedeutung beizumessen und daraus mitunter weitreichendere Schlüsse zu ziehen, was zuweilen zu Kommunikationsproblemen zwischen Hochsensiblen und nicht-hochsensiblen Menschen führen kann, was zuweilen zu Kommunikationsproblemen zwischen Hochsensiblen und nicht-hochsensiblen Menschen führen kann. Dennoch korreliert Hochsensibilität in der Regel mit hohem Einfühlungsvermögen Empathie.

[Quelle: Wikipedia]